Konzentrizität

Konzentrizität — Definition, Messung und Praxisnutzen

Konzentrizität ist ein zentrales Qualitätsmerkmal bei rotierenden Bauteilen und Baugruppen. Die präzise Lage der Mittelpunkte geometrischer Elemente auf einer gemeinsamen Achse verhindert Vibrationen, verlängert die Lebensdauer und minimiert Ausfallrisiken. Dieser Beitrag bietet eine umfassende Darstellung von Definition, Messverfahren, typischen Toleranzen und praxisnahen Handlungsempfehlungen für Fertigung und Qualitätsmanagement.

Stand: 2025

 

Definition

In der technischen Messtechnik bezeichnet Konzentrizität die Lagebeziehung zwischen den Mittelpunkten oder Zentren von zwei oder mehreren Kreisen oder zylindrischen Flächen. Sie beschreibt, wie genau diese Mittelpunkte auf einer gemeinsamen Achse oder einem gemeinsamen Zentrum liegen[2]. Die Konzepte der Form- und Lagetoleranzen, wie in den Geometrischen Produktspezifikationen (GPS) nach DIN EN ISO 1101 geregelt, definieren die genauen Normen und Begriffe, die in technischen Zeichnungen und Prüfplänen Anwendung finden.

Konzentrizität und Koaxialität – präzise Abgrenzung und Bedeutung

Konzentrizität und Koaxialität sind zwei verwandte, jedoch normativ klar zu trennende Begriffe in der Messtechnik. Die Konzentrizität bezieht sich auf die Lage der Mittelpunkte von geometrischen Elementen, während sich Koaxialität auf die Lage ihrer Achsen zueinander bezieht. Diese Unterscheidung ist in technischen Zeichnungen nach ISO 1101 entscheidend, da sie die konkrete Toleranzforderung und somit die spätere Fertigung und Prüfung maßgeblich beeinflusst.

Obwohl umgangssprachlich oft synonym verwendet, sind die Unterschiede funktional relevant: Konzentrizität misst die Abweichung zwischen den Mittelpunkten, was bei Bauteilen mit komplexen Formabweichungen zu Interpretationsproblemen führen kann. Koaxialität hingegen definiert die Ausrichtung der Achsen, was häufig funktional klarer und prüfbarer ist.

Ein praxisnahes Beispiel ist die Passung zwischen einer Welle und einer Bohrung: Die Konzentrizität beschreibt hier, wie genau die Mittelpunkte der beiden Elemente übereinstimmen. Weicht die Bohrung zu stark von der Mittelachse der Welle ab, führt dies zu Problemen bei der Montage und Funktion, wie erhöhter Verschleiß oder Vibrationen. Daher ist die exakte Definition und Messung dieser Toleranz wesentlich für die Produktqualität und Betriebssicherheit.

Nutzen, Ziele & Outcome

  • Reduktion von Unwucht, Vibrationen und vorzeitigem Verschleiß[1|].
  • Verbesserung der Montagegenauigkeit, insbesondere bei Passungen wie Welle/Lager.
  • Sicherstellung von Funktionstoleranzen und Betriebssicherheit in rotierenden Systemen.
  • Erhöhung der Produktqualität bei gleichzeitiger Senkung von Nacharbeit und Gewährleistungsfällen.

Ablauf: Messung und Prüfverfahren (How‑To)

Die Messung der Konzentrizität erfolgt in der Regel mit einem Koordinatenmessgerät (KMG). Nachfolgend ein bewährter Ablauf, der an andere Messtechnik angepasst werden kann:

  1. Bezugselement festlegen

    Definieren Sie das Referenzelement, z. B. eine zentrale Bohrung. Legen Sie die Bezugskonstruktion in der Messsoftware fest.

  2. Werkstück korrekt spannen

    Spanntoleranzen minimieren durch spannungsfreie und reproduzierbare Positionierung unter Berücksichtigung von Lage und Drehmoment.

  3. Messpunkte erfassen

    Sammeln Sie ausreichend viele Messpunkte entlang der relevanten Kreise oder Zylinder (z. B. mehrere Z-Bahnen bei KMG).

  4. Achsen/Zentren berechnen

    Nutzen Sie Best-Fit-Analysen (Kreis- oder Zylinderbestimmung), um Mittelpunkte oder Achsen zu ermitteln.

  5. Lageabweichung ermitteln

    Berechnen Sie den Abstand zwischen Referenzachse und Prüfachse und vergleichen Sie ihn mit der spezifizierten Toleranzzone.

  6. Dokumentation & Bewertung

    Protokollieren Sie Messergebnisse, eingesetzte Messmittel, Umgebungsbedingungen, Wiederholbarkeit und gegebenenfalls Korrekturmaßnahmen.

Vorteile & Nachteile

Vorteile

  • Präzise Aussage zur Lagegenauigkeit zwischen geometrischen Elementen.
  • Entscheidend für Montage- und Laufverhalten von Präzisionsteilen.
  • Messbar mit gebräuchlicher Messtechnik wie KMG, LVDT oder optischen Systemen.

Nachteile

  • Interpretation der Konzentrizität kann durch kombinierte Form- und Lageabweichungen erschwert sein.
  • Messung komplex und zeitaufwendig, insbesondere bei komplexen Geometrien.
  • Falsche Toleranzforderungen können funktional ungeeignete Ergebnisse erzeugen (z. B. statt Rundlauf).

Herausforderungen & Typische Stolperfallen

  • Verwechslung von Konzentrizität und Koaxialität – klare Begriffsdefinition in Zeichnungen ist essentiell[2|].
  • Unzureichende Spann- und Prüfvorrichtungen verfälschen Messergebnisse.
  • Messunsicherheiten durch Temperaturdrift und Umgebungsbedingungen oft unterschätzt.
  • Formabweichungen wie Ovalität beeinflussen die Best-Fit-Achse und somit das Messergebnis.

Fallstudie / Praxisbeispiel

Automotive: Optimierung der Konzentrizität zwischen Antriebswelle und Lagerbohrung

Problem: Bei Drehzahlen über 3.000 U/min traten unzulässige Vibrationen auf, die zu Lagerschäden nach durchschnittlich 500 Betriebsstunden führten (Beispiel: Serienfertigung Getriebe).

Analyse: Eine systematische Messreihe mit einem ZEISS PRISMO KMG zeigte eine Konzentrizitätsabweichung von 0,08 mm zwischen Lagerbohrung und Wellensitz. Die spezifizierte Toleranz lag bei 0,02 mm (Beispiel: Messdaten aus KMG-Protokoll).

Maßnahme: Die Ursache wurde auf inkonsistente Spannkräfte in der CNC-Drehmaschine zurückgeführt. Durch Einführung einer drehmomentkontrollierten Spannvorrichtung konnte die Prozessstabilität erheblich verbessert werden.

Ergebnis: Der First Pass Yield (FPY) stieg innerhalb von drei Monaten von 92 % auf 98 %. Die Reklamationsquote aufgrund von Lagerschäden sank im Folgejahr um über 80 % (Beispiel: Qualitätskennzahlen aus Produktionsdaten).

Vergleichstabelle: Konzentrizität vs. Koaxialität vs. Rundlauf

Kurzvergleich wichtiger Lage- und Rundtoleranzen
Eigenschaft Konzentrizität Koaxialität Rundlauf
Beschreibung Bezug auf Mittelpunkte/Zentren Bezug auf Achsen bzw. Lage der Rotationsachsen[2|] Bezug auf Abweichungen der Kreisbewegung bei Rotation
Normative Grundlage (ISO 1101) Symbol: Ⓚ (Konzentrizität) Symbol: Ⓒ (Koaxialität) Symbol: Ⓡ (Rundlauf)
Toleranzzone Zylinder mit definiertem Durchmesser (Toleranzzone für Mittelpunkte) Zylinder mit definiertem Durchmesser (Toleranzzone für Achsen) Zylinder mit Radius t (Toleranzzone für Rundlauffehler)
Funktionaler Fokus Zentrierung von Elementen, Lagebezug Ausgerichtete Achsen für Funktion und Montage Vibrationsfreie Rotation und dynamische Auswuchtung
Prüfbarkeit Anspruchsvoll durch Best-Fit und Form/Lage-Mischung Praktischer und klarer prüfbar als Konzentrizität Sehr gut prüfbar mit Rundlaufmessgeräten
Typische Anwendung Feinmechanik, präzise Passungen Rotierende Bauteile, Wellen, Lager Rotationsgenauigkeit, Maschinenelemente

Die Rolle in der Geometrischen Produktspezifikation (GPS) nach ISO 1101

Im System der Form- und Lagetoleranzen nach DIN EN ISO 1101:2017 sind Konzentrizität und Koaxialität klar als Lageabweichungen klassifiziert. Die Toleranzen werden in technischen Zeichnungen durch einen Toleranzrahmen mit Bezugspfeil und Bezugsbuchstaben dargestellt. Dabei beschreibt der Bezugsbuchstabe das Referenzelement, auf das sich die Toleranz bezieht.

Moderne Normen bevorzugen häufig Koaxialität gegenüber Konzentrizität, da letztere durch die Lage der Mittelpunkte schwieriger zu interpretieren und zu messen ist. Koaxialität misst die Ausrichtung der Achsen, was meist funktional relevanter und einfacher prüfbar ist.

Auswahl des richtigen Prüfverfahrens

Für die Konzentrizitätsmessung stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Ihre Wahl hängt von Präzision, Messdauer und Kosten ab:

Vergleich der Prüfverfahren zur Konzentrizitätsmessung
Prüfverfahren Vorteile Nachteile Empfehlung
Koordinatenmessgerät (KMG/CMM) Hohe Präzision, komplexe Geometrien messbar, dokumentierte Auswertung Hohe Investitions- und Messzeitkosten Für komplexe Bauteile und höchste Genauigkeitsanforderungen
Optische Messsysteme (Profilprojektor, 3D-Scanner) Schnelle Aufnahme, berührungslose Messung Begrenzte Genauigkeit, teils anfällig für Oberflächeneinflüsse Für einfache Geometrien und schnelle Kontrollen
Taktile Rundlaufprüfgeräte Effizient für Serien, einfache Handhabung Begrenzte Flexibilität, misst eher Rundlauf als Konzentrizität Für Standardwellen und schnelle Prüfroutinen

Kritische Einflussfaktoren auf die Messunsicherheit

  1. Thermische Einflüsse: Ausdehnung von Prüfling und Messgerät verfälscht Messergebnisse.
    Empfehlung: Klimatisierter Messraum (20 °C ±1 K) und ausreichende Temperaturanpassungszeit gewährleisten stabile Bedingungen.
  2. Spannvorrichtung: Verformung des Bauteils durch zu hohe Spannkräfte.
    Empfehlung: Verwenden Sie reproduzierbare, kraftarme Spannsysteme und dokumentieren Sie das Spannkonzept detailliert.
  3. Formabweichungen des Bezugs: Ein unrunder Bezug kann die Lage der abgeleiteten Achse verfälschen.
    Empfehlung: Erfassen Sie Formabweichungen separat und berücksichtigen Sie diese bei der Auswertung.
  4. Tastsystem und Antaststrategie: Falsche Tastergröße oder unzureichende Messpunkte führen zu ungenauen Ergebnissen.
    Empfehlung: Legen Sie die Antaststrategie gemäß Norm (z. B. Anzahl Messpunkte pro Kreis) fest und validieren Sie diese.
  5. Auswertealgorithmus: Unterschiedliche Algorithmen (Gauß, Tschebyscheff) können variierende Ergebnisse liefern.
    Empfehlung: Wählen Sie den für die Funktion relevanten Algorithmus (meist Gauß-Kreis/LSCI) und verwenden Sie ihn konsistent.

Glossar

Konzentrizität
Kennwert für die Lageabweichung der Mittelpunkte/Zentren mehrerer Kreise oder Zylinder.
Koaxialität
Lagebeziehung zwischen Achsen — oft synonym verwendet, jedoch technisch klar zu unterscheiden[2|].
Toleranzzone
Geometrische Zone (z. B. Zylinder), innerhalb der sich ein Achs- oder Mittelpunkt befinden darf.
KMG / CMM
Koordinatenmessgerät (Coordinate Measuring Machine) zur genauen Bestimmung von Form- und Lageabweichungen.
Rundlauf
Maß für Abweichungen bei rotierenden Elementen; funktional oft relevanter als reine Zentriertheit.

Handlungsempfehlung / Fazit

Für eine prozesssichere Qualitätssicherung der Konzentrizität empfehlen sich folgende Schritte für Qualitätsmanager und Fertigungsingenieure:

  1. Eindeutige Spezifikation: Legen Sie in der technischen Zeichnung klar fest, ob Konzentrizität, Koaxialität oder Rundlauf gefordert ist, um Missverständnisse zu vermeiden.
  2. Validiertes Messverfahren: Nutzen Sie ein fähiges Messmittel wie ein KMG mit standardisiertem Prüfprogramm zur zuverlässigen Erfassung der Lageabweichungen.
  3. Prozessbeherrschung: Überwachen Sie kritische Einflussgrößen wie Werkstückspannung, thermische Stabilität und Messumgebung, um Messunsicherheiten zu minimieren.
  4. Dokumentation & Monitoring: Protokollieren Sie alle Messergebnisse, Messmittel und Umgebungsbedingungen umfassend. Verwenden Sie SPC-Systeme zur langfristigen Prozesskontrolle.
  5. Korrekturmaßnahmen: Führen Sie bei Überschreitungen eine gründliche Ursachenanalyse durch und passen Sie Spann- und Fertigungsprozesse entsprechend an.

Innovation & Optimierungstipp

⏹️

Setzen Sie automatisierte KMG-Routinen mit integrierter Unsicherheitsrechnung ein und verknüpfen Sie Messergebnisse mit SPC-Systemen, um Prozessabweichungen frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren.

Quellenverzeichnis

  • [1] ZEISS Industrial Metrology (2024): Konzentrizität – Technologie & industrielle Anwendung.
  • [2] 3dimetik.de (2024): Konzentrizität in der Messtechnik einfach erklärt.

DIN / ISO Ressourcen, VDA-Checklisten und weitere branchenspezifische Hinweise sind projektbezogen zu ergänzen.

 

 

 

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