Lenkung fehlerhafter Produkte

Lenkung fehlerhafter Produkte – systematischer Prozess zur Sicherstellung von Qualität und Rückverfolgbarkeit

Die Lenkung fehlerhafter Produkte ist essenziell, um festgestellte Abweichungen von Anforderungen zuverlässig zu identifizieren, bewerten und behandeln. Dies schützt Kunden, minimiert Risiken und unterstützt die nachhaltige Prozessoptimierung im Unternehmen.

Stand: 2025

 

Definition der Lenkung fehlerhafter Produkte

Die Lenkung fehlerhafter Produkte (früher auch „Lenkung fehlerhafter Ergebnisse“) ist gemäß DIN EN ISO 9001:2015, Abschnitt 8.7 ein systematischer Prozess zur Steuerung von Outputs – sowohl Produkten als auch Dienstleistungen –, die festgelegte Anforderungen nicht erfüllen. Ziel ist es, deren unbeabsichtigte Verwendung oder Auslieferung zu verhindern und somit Produktsicherheit und Kundenzufriedenheit zu gewährleisten.

Normative Einordnung nach ISO 9001:2015

Die ISO 9001:2015 legt in Abschnitt 8.7 folgende Anforderungen an die Lenkung fehlerhafter Ergebnisse fest:

  • 8.7.1 Identifikation und Steuerung: Verpflichtung zur Identifikation, Kennzeichnung und Steuerung fehlerhafter Produkte oder Dienstleistungen, um deren unbeabsichtigte Verwendung zu verhindern. Dokumentierte Informationen sind aufzubewahren, um Art des Fehlers und ergriffene Maßnahmen nachvollziehbar zu machen.
  • 8.7.2 Dokumentationspflichten: Vollständige und nachvollziehbare Dokumentation aller Feststellungen, Bewertungen, Dispositionen und Sonderfreigaben ist erforderlich, um eine lückenlose Rückverfolgbarkeit sicherzustellen.

Nutzen und messbare Ziele der Lenkung fehlerhafter Produkte

  • Risikominimierung: Verhindert die Auslieferung nicht konformer Produkte an Kunden, reduziert Rückrufaktionen, Haftungsfälle und schützt die Unternehmensreputation.
  • Steigerung der Prozessstabilität: Systematische Fehleranalyse identifiziert Schwachstellen in Produktion und Dienstleistung, welche als Basis für den KVP dienen.
  • Erhöhung der Produktsicherheit: Verhindert den Verbrauch oder Einsatz fehlerhafter Produkte, minimiert Schadenspotenziale.
  • Erfüllung gesetzlicher und normativer Anforderungen: Sichert die Einhaltung von Compliance-Vorgaben und minimiert rechtliche Risiken.
  • Verbesserung der Kundenzufriedenheit und Marktposition: Stärkt Vertrauen durch transparente und kontrollierte Prozesse.

Ablauf und konkrete Schritte der Lenkung fehlerhafter Produkte

  1. Erkennung und Identifikation

    Fehlerhafte Produkte werden durch Endkontrollen, In-Prozess-Kontrollen oder Kundenreklamationen erkannt. Die Prüfungen erfolgen mittels kalibrierter Messmittel und standardisierter Protokolle, um Abweichungen objektiv zu erfassen.

  2. Kennzeichnung und Absonderung

    Gefundene Fehlerprodukte erhalten visuelle Markierungen, z. B. rote Sperr-Anhänger, oder werden digital im ERP-System auf „gesperrt“ gesetzt. Sie werden in definierten Sperrbereichen oder Sperrlagern physisch abgetrennt, um Verwechslungen auszuschließen.

  3. Bewertung und Fehleranalyse

    Ein qualifiziertes Team, beispielsweise ein Qualitätszirkel, führt eine Ursachenanalyse durch. Dabei kommen bewährte Methoden wie das Ishikawa-Diagramm oder die 5-Why-Technik zum Einsatz, um die Fehlerquelle zu ermitteln und systematisch zu dokumentieren.

  4. Disposition (Entscheidung über weiteres Vorgehen)

    Mögliche Entscheidungen sind:

    • Nacharbeit/Reparatur: Fehlerbehebung mit anschließender erneuter Prüfung der Konformität.
    • Verwurf/Verschrottung: Dokumentierte Vernichtung fehlerhafter Produkte.
    • Sonderfreigabe: Genehmigte Freigabe trotz Abweichungen nach Rücksprache mit Kunden und interner Autorisierung.
    • Umklassifizierung: Verwendung des Produkts für einen alternativen Zweck.
  5. Dokumentation

    Alle Schritte, Befunde und Entscheidungen werden in einem lückenlosen Fehlerbericht erfasst. Elemente sind Art und Umfang des Fehlers, Ursachenanalyse, Dispositionsentscheidung sowie die getroffenen Korrekturmaßnahmen.

  6. Einleitung von Korrektur- und Vorbeugemaßnahmen

    Die Ursachenanalyse dient als Grundlage für den CAPA-Prozess (Corrective and Preventive Actions), um Wiederholungen zu verhindern und die Prozessfähigkeit nachhaltig zu verbessern.

Herausforderungen und typische Stolperfallen bei der Lenkung fehlerhafter Produkte

  • Unklare Verantwortlichkeiten: Beispiel: Ein Produktionsmitarbeiter entdeckt einen Fehler, ist sich aber unsicher, ob er die Linie anhalten darf oder den Schichtleiter informieren muss. Folge: Verzögerte Reaktion und weitere fehlerhafte Produkte entstehen.
  • Mangelhafte Kennzeichnung und Dokumentation: Fehler werden zwar behoben, jedoch Ursachen und Maßnahmen nur mündlich kommuniziert. Dies führt zu Wissensverlust und wiederkehrenden Fehlern.
  • Unzureichende Kommunikation im Team: Fehlende Abstimmung zwischen Produktion, Qualität und Logistik kann Verzögerungen und falsche Dispositionen verursachen.
  • Technische Systemdefizite: Fehlende oder nicht integrierte ERP-Systeme erschweren die Rückverfolgbarkeit und Statusverfolgung.

Praxisbeispiel aus der Automobilzulieferindustrie

Ausgangslage

Ein mittelständischer Hersteller von Präzisionsdrehteilen für die Automobilindustrie stellt bei einer Stichprobenkontrolle im Warenausgang fest, dass eine Charge von 500 Wellen eine Maßabweichung von 0,02 mm außerhalb der Toleranz aufweist.

Vorgehen

  1. Die gesamte Charge wird sofort gesperrt und mit einem roten Sperr-Etikett versehen. Im ERP-System wird der Status der Charge auf „gesperrt“ gesetzt, um eine versehentliche Auslieferung zu verhindern.
  2. Das Qualitätsteam analysiert das Messprotokoll der CNC-Maschine und identifiziert, dass ein Werkzeugwechsel überfällig war.
  3. Aufgrund der Wirtschaftlichkeit wird beschlossen, die Charge zu verschrotten. Die Entscheidung wird vom Leiter der Qualitätssicherung freigegeben und dokumentiert.
  4. Als Korrekturmaßnahme wird der Wartungsplan für die CNC-Maschine angepasst, sodass der Werkzeugwechsel künftig 10 % früher erfolgt.

Ergebnis

Durch die konsequente Lenkung wurde ein teurer Rückruf beim Automobilkunden verhindert. Die Reklamationsquote konnte im Folgejahr um 30 % gesenkt werden (Beispiel: KPI-Reduktion von 8 % auf 5,6 %). Zudem wurde die Prozessstabilität erhöht.

Wirtschaftliche und rechtliche Konsequenzen bei Missachtung der Lenkung fehlerhafter Produkte

Fehlende oder unzureichende Lenkung kann zu gravierenden Folgen führen:

  • Wirtschaftliche Folgen: Rückrufaktionen verursachen hohe Kosten, Vertragsstrafen und den Verlust wichtiger Kunden. Produktionsstillstände und erhöhter Ausschuss mindern die Wettbewerbsfähigkeit.
  • Rechtliche Folgen: Produkthaftungsrisiken gemäß Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) und Vertragsverletzungen können zu Schadensersatzansprüchen führen. In regulierten Branchen, z. B. Medizintechnik, droht die Aberkennung von Zulassungen.
Gegenüberstellung der Auswirkungen mit und ohne Lenkungsprozess
Kriterium Lenkung fehlerhafter Produkte Keine Lenkung
Produktsicherheit hoch niedrig
Rückverfolgbarkeit gegeben nicht gegeben
Rechtssicherheit hoch niedrig

Pro- und Contra-Argumente der Lenkung fehlerhafter Produkte

🔼 Vorteile

  • Sicherung der Produktqualität und damit Kundenzufriedenheit
  • Minimierung wirtschaftlicher und rechtlicher Risiken
  • Stärkung des Vertrauens bei Kunden und Partnern
  • Kontinuierliche Verbesserung durch systematische Fehleranalyse

🔽 Nachteile

  • Erhöhter Dokumentationsaufwand
  • Zusätzlicher Zeit- und Personalbedarf im Fehlerfall
  • Potentiell verzögerte Abläufe durch Prüf- und Freigabeprozesse

Quellenverzeichnis

  • Lenkung Fehlerhafter Produkte. QUALITY© (2025). Diese Quelle fasst Bedeutung, Relevanz und die wichtigsten Schritte kompakt zusammen und liefert aktuelle Begriffsdefinitionen sowie den praktischen Ablauf im Qualitätsmanagement. Die Aussagen zur Festlegung von Verantwortung und Befugnissen sind hier beschrieben. [1]
  • Was versteht die ISO 9001 unter Lenkung von fehlerhaften Produkten? SMCT MANAGEMENT concept (2025). Erläuterung mit Bezug auf ISO 9001 Abschnitt 8.7, inklusive Identifikation, Markierung und Bewertung fehlerhafter Produkte. Die Definition und Ablaufschritte stimmen mit anderen Quellen überein. [2]

Handlungsempfehlung für die Praxis

Etablieren Sie klare und dokumentierte Prozesse sowie eindeutige Verantwortlichkeiten für die Lenkung fehlerhafter Produkte. Schulen Sie Ihre Mitarbeitenden regelmäßig hinsichtlich Erkennung, Kennzeichnung und Dokumentation. Nutzen Sie digitale Systeme zur Transparenz und Nachverfolgbarkeit. Kontrollieren Sie die Wirksamkeit der Maßnahmen systematisch im Rahmen des KVP, um Qualitätsstandards nachhaltig sicherzustellen und Risiken zu minimieren.

 

 

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